 
Russland? Ukraine? Urlaub? Was
willst du denn da, war die fast einstimmige Frage aller Bekannten. Nun, ob
es ein Urlaub im herkömmlichen Sinn wird, bezweifle ich sogar selbst.
In mitten mehrerer Gespanne
russischer Herkunft und einer Yamaha XT 600 fahre ich mit meinem BMW GS
Gespann gen Osten. Die Idee der Reise stammt vom Lois Löw
(Russengespann-Händler) und Udo Vogel (Hotelbus Reiseveranstalter). Gelockt
übers Internet, limitiert auf 20 Personen ich wollte unbedingt mit.
So stehen wir nun kurz vor Budapest, um auf dem Parkplatz einer gemütlichen
Csarda, die erste Nacht zu verbringen. Während die anderen im Hotelbus
nächtigten, zog ich es vor, im Zelt zu schlafen.
Die Anreise erfolgte über
Passau-Wien-Budapest. Dank der Kommunisten Kräder war es eine gemütliche
Fahrerei, kaum schneller als 80KM/H. Meine BMW danke es mir mit Minimal
Verbräuchen.
Auf die Stadtbesichtigung
Budapest verzichteten Martel und ich, wir machten lieber eine Rundfahrt
durch die ungarische Matra. Ein Hauch Schwarzwald und Vogesen, schöne kleine
Sträßchen und wenig Verkehr, ließen dies zum Erlebnis werden. Ein
vorzügliches Mahl in einer Pizzeria passte zu diesem Tag. Der Tourismus hat
hier seit der DDR Grenzöffnung sehr stark nachgelassen, man sieht es an den
vielen, leeren Hotels und Ferienanlagen.
In der Hauptgruppe hatte
währenddessen „Don Harry“ die ersten Probleme mit seiner Olga, wie er seinen
Russenboxer liebevoll nennt. Aber der Hotelbus hatte einen Anhänger mit
dabei, sodass die Reparatur auf später vertagt werden konnte.
Wir schraubten uns von den
luftigen Höhen der Matra runter in die Pussta. Die ersten Störche tauchten
auf, hier fast so zahlreich wie bei uns die Spatzen. Vorbei an Tokay,
welches bekannt für seinen Wein ist, bis nach Kisvarda. 20km vor der
ukrainischen Grenze gelegen. Hier folgte die zweite Nacht auf einem
Campingplatz. Die abendliche Verpflegung, sowie Frühstück war im Reisepreis
inbegriffen und war immer der gemütliche Teil eines jeden Abends. Während
die einen fast die ganze Nacht ihr Liedgut zum Besten gaben, versuchten die
Anderen krampfhaft eine Mütze voll Schlaf zu bekommen.
Am 25.7.02 gab es die ersten
frischen Weckla (Brötchen), trotzdem beeilten wir uns, da keiner wusste, wie
lange die Grenzabfertigung in die Ukraine dauern würde. Die 20km im Regen
war rasch abgespult, und da standen wir nun, vor dem Tor zum Osten. Die
ungarischen Formalitäten waren in wenigen Minuten vorbei, aber drüben hieß
es erst mal warten. Passkontrolle, Formular ausfüllen, deklarieren,
fotokopieren, Gepäckkontrolle und noch Geld wechseln in Griwna, nach zwei
Stunden schon, hatten wir es geschafft. Die erste Tankstelle war der
Treffpunkt, die Tanks noch für 40Cent pro Liter gefüllt, dann hieß es
warten, und zwar fast 6 Stunden bis Udo mit dem Bus kam. Er hatte massive
Probleme, wegen dem Anhänger hinter dem Reisebus (verboten).
Nun gut, auf geht’s in
Richtung Karpaten. In den kleinen Dörfern fühlte man sich in die 50iger
Jahre zurückversetzt. Mehr Pferdefuhrwerke als Autos, Brunnen vor dem Haus
und Kleidung die eher praktisch als modisch war. Die Strassen mit Spurrillen
gigantischen Ausmaßes, in den Ortschaften Schlaglöcher, harte Anforderungen
an unsere Federelemente.
 
Nach einer Brücke dann auch
gleich die erste Polizei Kontrolle. 90 statt 40 sagen die Wegelagerer, das
macht 100 Dollar. Hoppla, ich muss erst einmal schlucken. Die Taktik mit dem
zweiten, fast leeren Geldbeutel ging auf, jetzt waren es noch 25 Dollar und
auf den Hinweis, wie wir nun Tanken und Essen jetzt bezahlen sollen, gab’s
noch mal 5 Dollar zurück. Zum Dank gibt’s unter einem Pavillon noch einen
Wodka vom Polizeichef persönlich!
Die Karpaten wirken so
herrlich unberührt. Tourismus ist hier noch ein Fremdwort und für die armen
Bewohner hier geht es ums nackte Überleben. Die Strassen werden schlechter,
die Brummis qualmen wie ein Dampfschiff und sind oft schon an die 30ig Jahre
alt. Die Leute in den Dörfern schauen uns mit offenen Mündern nach, wenn man
ihnen zuwinkt, winken sie lachend zurück.
Inzwischen regnet es wieder,
die Strasse wird zur Rutschbahn, "Gottseidank" habe ich drei Räder.
Auf einer Bergkuppe ist
Schluss für heute. Eine kleine Bar, davor ein Mann, der über einem alten
Ölfass Schaschlik grillt und ein großer, umzäunter Platz soll unser
Nachtlager werden.
 
n der Bar wurde es dann noch
saugemütlich, erst gegen 4 Uhr morgens, von Bier und Wodka geschwängert sank
ich in den Schlafsack. Das Frühstück am 26.7.02 tätigten wir im Regen und
etwa 12 Grad im Schatten. Weiter ging’s über die schmierigen Strassen bis
Stryi. Überall an der Strecke Militärdenkmäler aus alten, roten Zeiten.
Harrys Dreirad verlor Luft am Vorderrad, was aber durch Aufpumpen schnell
erledigt war.
Ternopil soll unser nächstes
Ziel sein. Wieder Polizeikontrolle. Kolonnenfahren sei verboten in der
Ukraine, aber wenigstens wollte er keine Dollars. In Ternopil besorgten
Martel und ich noch Fleisch für die ganze Mannschaft. Die Metzgerei war aber
auf solch eine Menge gar nicht eingestellt. Udo hat die „Schnitzel“
nachgemessen, 7cm im Durchmesser und wenige Millimeter dick. Nicht jeder
wurde abends satt. Wieder nächtigten wir an der Strasse bei einem Restaurant
auf einem Schotterparkplatz. Mensch Udo, normalerweise würde ich mein Zelt
hier nieee aufschlagen. Ölbüchsen, Flaschen und was weiß ich noch alles lag
hier rum. Im Restaurant mussten wir wegen fehlendem Platz in Etappen essen
und es gab sogar eine Duschmöglichkeit, die aber leider nur für 2,5 Personen
reichte.
27.7.02 heute müssten wir es
locker bis zum Ziel Kiev schaffen. Das letzte Stück war Autobahn und wir
kamen zügig voran. Gerhard aus Wien hatte noch Probleme mit seinem
Benzinhahn was aber wieder mit Udos Anhänger kompensiert wurde. Inzwischen
war es verdammt heiß geworden, 40 Grad zeigt das Thermometer. Vorbei an
Melonenfeldern, grasenden Kühen direkt an der Strasse, Einheimische die
Beeren, Äpfel, Besen zum Verkauf anbieten und dadurch ihr Überleben sichern.
Die Armut ist hier allgegenwärtig. Der Lois hat an seinem, mit Hatz Diesel
Motor ausgerüsteten Russengespann, den Schalldämpfer verloren und röhrt mit
ordentlich Phon gen Kiev.
Eine letzte Polizeikontrolle
wendete sich zum Guten, indem uns die Sheriffs mit Blaulicht zum Treffpunkt
in Kiev eskortierten. Auch das ist möglich in diesem Land. In vier Tagen
waren das 2000km bis Kiev. Unsere Bleibe hier war ein ehemaliger
Campingplatz mit zerfallenen Datscha, aber immerhin Security Personal und
Dusche, sogar ein WC gab es auch, nur im erbärmlichen Zustand.
Abends bekamen wir noch Besuch
von den Silver Bullets, dem hiesigen Kiever Motorradclub. Der Einladung ins
Clubhaus folgten ein paar unserer Gruppe.
Der nächste Tag wurde bei den
Russentreibern intensiv für Wartungs- und Reparaturarbeiten genutzt.
Nachmittags war Besichtigung der 3 Millionen Metropole Kiev angesagt.
Klöster, Militärmuseum, Stadtzentrum und die Dnepr Brücke waren die
Höhepunkte. Es hätte noch Tage gedauert, um alles zu erkunden. Hier in der
Stadt ist der Gegensatz zwischen arm und reich am auffälligsten. Ich lernte
noch einen netten, deutschsprechenden Steinmetz kennen, und erfuhr so
manches über Regierung und Korruption und den daraus resultierenden
Alltagsproblemen. Den Abend ließen wir auf dem Campingplatz feuchtfröhlich
ausklingen.
Am 29.7.02 kam der Tag, auf
den die meisten der Teilnehmer sehnsüchtig warteten. Eine Werksbesichtigung
des ehemaligen Dnepr Motorradwerkes war angesagt. Leider durften wir auf dem
Werksgelände nur zwischen den leeren, abbruchreifen Werkshallen umherlaufen.
Das war ein Schuss in den Ofen. Wichtiger war da schon der Werksverkauf zu
Spottpreisen. So mancher kaufte mehr, als er nachher verstauen konnte.
Schwarzhändler fanden sich schnell ein, und unterboten die eh schon billigen
Preise um ein Vielfaches – Ukraine wie es leibt und lebt. Gegen 12 Uhr
traten wir dann endlich die Heimreise an. Es war immer noch sehr heiß.
Riwne soll uns Tagesziel
werden. Dem Harry2 platzte noch das Getriebe, er hatte aber in Kiev ein
neues bei Dnepr geholt und war somit außer öligen Händen aus dem Schneider.
In nur 90 Minuten war das Teil gewechselt. Wieder wurde an der Strasse auf
einem Lkw Parkplatz genächtigt. Der nächste Tag soll uns über Lemberg bis an
die polnische Grenze bringen. Aber diesmal hatte der Martin Probleme mit
seiner Ural Kupplung. Ich setzte ihn in meinen Beiwagen und wir suchten über
zwei Stunden nach Ersatzteilen in Lemberg. Aber irgendwie bekamen wir die
Teile zusammen und wir konnten die Aufholjagd zur Hauptgruppe beginnen. Noch
vor der polnischen Grenze hatten wir aufgeholt. Hörby hatte einen Platten
und musste das Reserverad montieren. Oh diese Russen.
Zweieinhalb Stunden an der
polnisch-ukrainischen Grenze war ein Klacks. Der polnische Campingplatz in
Premysil war vom Komfort her schon eine Nummer besser, als die ukrainischen
„Naturplätze“. Martins Kupplungsteile passten letztendlich doch nicht, die
Ural verbrachte den Rest der Reise auf dem Anhänger. Am nächsten Tag fuhren
wir durch den polnischen Nationalpark bis in die Slowakei in die Hohe Tatra.
Gegen 22Uhr belegen wir dort den Eurocamp-Campingplatz. Es regnet wieder,
und nach einem warmen Essen vom Bus fallen wir müde in den Schlafsack.
Am nächsten Tag umrunde ich
die Tatra, fahre wieder nach Polen bis Zakopane, bekannt durch die
Skisprungschanze. Das Minigebirge hinter mir, bin ich mittlerweile wieder in
der Slowakei und für mich ist nur noch der schnelle Heimweg angesagt. Die
Grenze nach Tschechien geht europäisch schnell, die Berge werden flacher.
Ich schaffe es noch bis Olumuk zum Campingplatz.
Der nächste Tag bringt
zunächst dichtesten Nebel, als es heller wurde regnete es was das Zeug hält.
Erst im Böhmerwald kommt wieder die Sonne raus, die deutsche Grenze liegt
vor mir, noch zweieinhalbe Stunden und ich bin zuhause. Was ist das schon im
Vergleich zu den zurückgelegten 4900km. Eine Reise durch die Vergangenheit,
voller Gegensätze geht zu Ende. Von den ganzen Horrorgeschichten im Vorfeld
traf keine zu, deshalb, die Ukraine ist immer eine Reise wert.
Fränky
 
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