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Motorradtour 9 - Uralfabrik
Meldung vom 28. Juni 2004
"Funktioniert
überall"
Das Motorrad ist eines der
erfolgreichsten der Geschichte. Seit 1941 stellten die Russen
mehr als drei Millionen Stück des Seitenwagen-Gespanns der Marke
Ural her.
Motorradfans in Russland vergleichen die Ural gern mit der
Kalaschnikow, der weltberühmten Maschinenpistole. "Funktioniert
überall", sagen sie. "In der Wüste, im Wasser, im Schlamm."
Die "Ural"-Fabrik in der sibirischen Kleinstadt Irbit aber
gleicht einer Kulisse für einen Film über den industriellen
Verfall Russlands. Schmutzige, graue Plattenbauten bergen
Maschinen aus den Sechziger und Siebziger Jahren. Die Schlote
sind rostig und vor einem Jahrzehnt das letzte Mal gestrichen
worden. Im Winter dringt weißer Dampf aus den Löchern der
Abwärmeleitung.
Und dennoch ist die Fabrik unsere Rettung. Wir haben
siebentausend Kilometer seit Peking zurückgelegt, sechs
Lichtmaschinen verschlissen, sechs Auspuffrohre verloren und
vierzehn Mal die Räder austauschen müssen. Einmal machte sich
der Seitenwagen selbstständig, George brachte die Maschine im
letzten Moment zum Stehen. Einmal löschten wir einen Kabelbrand
mit vereinten Kräften.
Stalin verkaufte Lizenz an Mao Auf dem Weg sind uns hunderte russische Uralmotorräder begegnet,
die älteren Brüder unserer Chang Jiang. Stalin hatte die
Lizenzen an Mao verkauft, als sich die beiden kommunistischen
Diktatoren noch gut verstanden. Shang, unser chinesischer
Mechaniker, schaute sich bei vielen Stopps ehrfürchtig die
Ural-Seitenwagengespanne an, machte Fotos. "Verdammt gute
Qualität", sagt er. Ein Reifen schafft mehr als zehntausend
Kilometer statt dreitausend wie unsere chinesischen Maschinen.
Das Stahl ist von besserer Qualität und auch die generelle
Verarbeitung.
Gerd George wird bei
fotografischen "Reisebegleitung" von Peking nach
Berlin von Kodak unterstützt. Seine Fotos entstehen
mit einer Kodak Professional DCS Pro SLR/c
Digitalkamera.
Die Ural-Fabrik
befindet sich am südlichen Stadtrand von Irbit, ein gewaltiges
Areal, auf dem sich auch das Krankenhaus, das Kino, Kindergärten
und Schulen für die Arbeiter und ihre Familien befanden. Wie
alle großen Kombinate in der Sowjetunion war das Uralwerk eine
Stadt in der Stadt, im Grunde sogar mehr als das: Die Stadt
entstand rund um die Fabrik. Damals, in den Zeiten der
Planwirtschaft war nicht der Staat, sondern das Kombinat für die
Sozialleistungen verantwortlich. Die Fabrik kümmerte sich von
der Wiege bis zur Bahre um ihre Angestellten und ihre Familien.
Mit der Einführung der Marktwirtschaft unter Boris Jelzin
übertrug die Regierung dann Schritt für Schritt die
Verantwortung für Renten, Schulen und Sozialleistungen an den
Staat und die Kommunen und entlastete so die Budgets der
Fabriken.
Zu viel Geld für Motorräder
Vor dem Zerfall der Sowjetunion arbeiteten zehntausend Menschen
in der Motorradfabrik von Irbit. Sie produzierten 130.000
Ural-Motorräder pro Jahr, im Schnitt mehr als dreihundert pro
Tag. Nun liegen die meisten Werkshallen verlassen da, erinnern
an eine Geisterstadt. Die Produktion ist auf 3000 Maschinen
gefallen. Erst hatten die Russen zu wenig Geld, um Motorräder zu
kaufen. Dann zu viel. Statt Motorräder kaufen sie nun mehr und
mehr Autos. Auch die Exportmärkte in den ehemaligen Warschauer
Pakt Staaten wie Polen und Rumänien fielen weg.
Informationen über
europäische Verkaufstellen
"Trotzdem geht
es aufwärts. Wir blicken optimistisch in die Zukunft", sagt der
Direktor Wladimir Judin. Er trägt eine elegante blaue
Seidenkrawatte, seinen Bart hat er modisch gestutzt, auf dem
Tisch steht ein Laptop von Sony. Vor drei Jahren hat Judin die
Belegschaft auf 1200 Arbeiter und Angestellte reduziert und die
meisten Teile der Fabrik verkauft und abgestoßen. "Früher haben
wir das ganze Motorrad selbst gemacht, sogar die Lampen", sagt
er. "Heute sourcen wir aus, versuchen auf dem russischen und auf
dem Weltmarkt die besten Teile zu kaufen." Die Seitenspiegel und
die Schalter für den Blinker stammen aus Italien, ein Teil des
Motors aus Japan. Russland kommt langsam im Zeitalter der
Globalisierung an. Die Ingenieure erzählen mit Stolz, dass die
neuen Motorräder die Abgasnormen aller europäischen Staaten und
die Amerikas erfüllen.
Kostengünstiger ab Werk
Rick, der Engländer, ist begeistert vom "Wolk", dem Wolf, den
das Ural-Werk seit 1999 verkauft. Vom Aussehen erinnert das Bike
an eine Harley Davidson, ist aber mit 3000 Euro weit billiger.
George, unser Fotograf, gefällt der Sportsmen, ein
Motorcross-Seitenwagengepann, mir die Ural-Retro, die in ihrer
Eleganz unseren Chang Jiang Motorrädern nahe kommt, allerdings
verlässlicher fährt. Wir drei planen, im nächsten Jahr nach
Irbit zu fliegen und die drei Motorräder dann in einer
gemütlichen Tour nach Europa zu überführen, Rick nach Sussex in
England, George und ich nach Hamburg. Ab Werk sind sie deutlich
kostengünstiger als über die Dealer in Europa.

Die Ingenieure und Designer schaffen
es, ein neues Modell pro Jahr auf den Markt zu bringen. "Wir
setzen nun auf Qualität statt auf Quantität", beteuert der
Direktor. Das Werk verkauft inzwischen mehr als die Hälfte der
Jahresproduktion an Liebhaber in Amerika und Europa. "In den
ersten Jahren der Reformen ist der russische Markt fast ganz
weggebrochen, jetzt wächst die Wirtschaft wieder, die Leute
haben Geld in der Tasche.
BMW-Kopie Nach Deutschland haben die Russen bis heute rund siebentausend
Ural-Motorräder verkauft. Das Seitenwagen-Gespann ist ein
Nachbau der BMW R 71. Im Umfeld
des Hitler-Stalin-Paktes gelangte die Technik in die
Sowjetunion. In Schweden erwarben die Russen 1939 fünf
Maschinen. Nazi-Deutschland führte Krieg gegen Frankreich und
England. Hitler und Stalin hatten gerade Polen unter sich
aufgeteilt.
Das Roadbook
"Rauf auf die Maschine",
heißt es vom 5.Juni bis 6. Juli. Peking - Moskau -
Berlin, diese Strecke soll auf vier chinesischen CJ
750 zurückgelegt werden, einem Motorrad entwickelt
in den dreißiger Jahren. stern.de verfolgt die 23
Etappen dieser Reise hautnah mit. Nach dem Start in
Peking informiert ein bebildertes Tagebuch über
Fahrt, Pannen und Strapazen von Fahrern und
Maschinen.
Stalin befahl
seinen Ingenieuren, die BMW R 71 detailgenau zu kopieren. Die
Sowjets tauften die Maschine Molotow M 72. Ursprünglich stand
die Fabrik in Moskau. Nach dem deutschen Angriff auf Russland im
September 1940 und aus Angst vor der zunächst schnell
vorrückenden Wehrmacht verlegte Stalin das Werk in den Ural.
Noch während des Krieges bauten die Sowjets 10.000 Maschinen.
Auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges traten die
beiden Schwestern nun gegeneinander an. Die Maschinen waren
ausgerüstet mit einem Schützen, dem auf den Seitenwagen
montierten Maschinengewehr, Munitionsvorräten und dem Fahrer.
Ural - wie der Gebirgszug Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die Sowjets das
BMW-Werk in Ostdeutschland als Reparationsleistung und stellten
es im Ural wieder auf. Dort wurden bis in die frühen Neunziger
Jahre jährlich rund 100.000 Motorräder zusammengeschraubt. Bis
1953 bauten die Russen die Maschinen fast nur für den eigenen
Bedarf. Weil das Werk im Ural lag, tauften sie die Maschine nur
auf den Namen des Gebirgszuges, der Europa und Asien trennt:
Ural.
Zum Abendessen treffen wir einen Motorradrennfahrer, der jede
Schraube an der Ural kennt und liebt. Sergej Wladimirowitsch
Sirjanow, 44, hat einen dicken Bauch und breite Schultern. Seine
Karriere begann er 1976, heute kümmert er sich ehrenamtlich um
die Öffentlichkeitsarbeit für die Fabrik. Sirjanow war
sechsfacher sowjetischer Meister im Seitenwagen-Motorcross, ab
1991, der Geburtsstunde des modernen Russland, gewann er viermal
die Landesmeisterschaft.
Sonderschicht für unser Team
Als unsere Motorräder in Irbit einrollen, ist es fast vier Uhr.
Um fünf schließt die Reparaturwerkstatt der Uralfabrik,
eigentlich. Die dicke Lydia, ein Relikt aus Sowjetzeiten, nimmt
mit säuerlicher Miene unsere Reparaturwünsche auf. "Das dauert
drei Tage", brummt sie. Sergej hilft uns, fünf der Mechaniker zu
überreden, eine Nachtschicht einzulegen. Sie arbeiten bis nach
Mitternacht und dann wieder ab acht. Um zwei Uhr am nächsten Tag
sind unsere Kisten generell überholt. Nur den Elektriker konnte
niemand finden.
Wir bezahlen den fünf 200 Euro, einen Monatslohn. Sie grinsen
über das ganze Gesicht und winken uns zum Abschied zu. Peter
erzählt, dass er jedes mal vierhundert Euro los ist wenn er
seine BMW in Deutschland zu einer kurzen Inspektion mit
Ölwechsel bringt. Auch wir grinsen über das ganze Gesicht und
hoffen, dass unsere schwarze Serie von Pannen, Pech und Pleiten
(link zu entsprechendem Tagebucheintrag) nun ein Ende hat.
Sergej, der Rennfahrer, stärkt unser Durchhaltevermögen. Er
erzählt von zwei Fahrern aus Irbit, die einen Rekord für das
Guiness-Buch der Rekorde aufstellten. Im Ural Seitenwagengespann
fuhren sie 25 Tage, ohne anzuhalten. Einer steuerte die
Maschine, der andere schlief im Seitenwagen. Nur noch
fünftausend Kilometer bis Berlin. Das werden wir schaffen und
Sergej und seiner Mannschaft eine Karte vom Brandenburger Tor
schicken.
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